Willkommen


Der Bügeltanz

Zum „Fastelabend" beflochten die Mädchen und Jungen einen Kranz aus Weidenästen von einem Meter Durchmesser mit Leinenstreifen, Tannenzweigen, vielen farbigen Bändern und Papierblumen. Die Jungen bekamen Kränze um die Mützen. Der Bügelmeister wurde mit einem hohen Kranz und einer Marschallsschärpe würdevoll geschmückt. Der Bügelmeister ging den Paaren voran. Es wurde gesungen und die Musikanten spielten zum Tanz auf. Die Paare drehten sich im Wechselschritt.

Der Bügelmeister tanzte mal hinter einem, mal hinter anderen Paaren her. Er sprang immer wieder durch den Bügel und hielt neckend den Kranz über das eine oder andere Paar, bis er endlich ein Mädchen damit fing. Nun musste ihr Tänzer sie in der Taille packen und hoch über den Bügel schwingen. Je höher die Mädchen sprangen, desto höher würde, so sagte man, im kommenden Jahr der Flachs wachsen. Wehe aber, wenn ein Mädchen mit dem Fuß im Bügel hängen blieb oder ihren Kranz verlor! Das war ein Zeichen dafür, dass „Zucht und Ehr" bei ihr nicht zu finden war.

Erminia von Olfers - Batocki schreibt dazu:


Marjelles, Jungs schlett seck an!
De Fastnachtsbeejel väran,
beflochte fresch met Danne,
bunt uutgeputzt met Blom on Band,
Jungmännersenn, Jungmäkehand,
Marieke, Lies on Hannke!
Allemann schlett seck an,
wer springe on ok danze kann !

Mädchen, Jungen, schließt euch an!
Der Fastnachtsbügel tritt voran,
beflochten frisch mit Tanne,
but ausgeputzt mit Blumen und Band,
Jungmännersinn, Jungmädchenhand,
Mariechen, Lies und Hannchen!
Allemann schließt euch an,
wer springen und auch tanzen kann!

Hanna Zetzsche

 

 

Der unterirdische Gang.

 

Begleitet mich einmal nach Molthainen zum Arklitter See, dort wollen wir den Schleier zu heben versuchen, den die Vergangenheit über das einst Gewesene gedeckt hat.

 

Von der Molthainer Kirche bis hin zum Schloss Arklitten soll es einen unterirdischen Gang gegeben, dieser verlief aus der Kirche heraus, unter dem See weiter bis hin zum Schloss. Bedauerlich ist es, dass diese Anlage nicht restlos durch eine Ausgrabung erforscht werden konnte. Die hierfür benötigten Mittel standen nicht zur Verfügung. Unser letzter Pastor, Herr Hartwig, hatte sich mit diesem Vorhaben beschäftigt, aber auch hier hat der 2. Weltkrieg allem ein Ende gesetzt.

 

Molthainen lag abseits der großen Straßen, abseits der lauten Welt. Der Name des Kirchdorfes wurde in den Urkunden des Ritterordens zum ersten Mal 1384 erwähnt. Verschiedene Gründe ließen darauf schließen, dass der Ort und mit ihm seine Kirche lange vor seiner ersten Erwähnung bestanden hat. Die aus Feldsteinen und Ziegelsteinen erbauten Mauern der Kirche und das starke Gebälk im Innern des Turmes und im Dachstuhl stehen heute noch wie damals. Der beeindruckende Ordensbau ist von zerstörenden Kriegseinwirkungen verschont geblieben. In Ostpreußen gab es viele Burganlagen mit geheimen Gängen. Diese dienten dem Adel und der Bevölkerung als Zufluchtsorte und zu deren Schutz. So ist anzunehmen, dass es in Molthainen einen ebensolchen geheimen unterirdischen Gang gegeben hat. Auch einen Fliehberg gab es unweit der Ordenskirche. Über das Alter dieser Befestigungsanlage wissen wir wenig. Viele Sagen und Spukgeschichten gab es über diesen Ort. Nur so ist es zu erklären, dass sich diese Erinnerungen an vergangene Zeiten erhalten haben, weil sie von Generation zu Generation durch mündliche Überlieferung weitergegeben wurden.

 

 Der Eingang dieses geheimen Ganges befand sich im Innern des Gotteshauses. Links neben dem geschnitzten, in Weiß und Gold bemalten Altar mit eingebauter Kanzel, befand sich ein Gestühl, das so aussah wie ein Beichtstuhl. Doch zu diesem Zweck kann er nicht gedient haben, es sei denn, dass die Kirche einmal katholisch gewesen ist. Der Beichtstuhl verdeckte den Eingang zu einer Krypta und dem unterirdischen Gang. Die Krypta, die als Tonnengewölbe den Altarraum und auch einen großen Teil des Langhauses unterhöhlte, war vor vielen Jahren eingestürzt. Ein vor dem Altar liegender Grabstein von 1561 mit dem Schliebischen Wappen bezeugte die Beisetzung von Mitgliedern dieser Patronatsfamilie in der Kirche. Durch die Krypta führte der Gang weiter den Kirchberg hinunter bis hin zum See. Im See gab es eine 2 Meter tiefe Sandbank. Diese reichte bis zur westlich gelegenen Halbinsel. Nur so lässt es sich erklären, dass dieser Gang mit den damalig zur Verfügung stehenden Mitteln errichtet werden konnte. Am Nordufer des Arklitter Sees lag das gräfliche Gut mit Schloss und Parkanlage. Etwa 50 Meter vom östlichen Ufer lag die Kirche und das Pfarrhaus. Die Verbindung von der Kirche zum Schloss musste daher unter dieser Sandbank entlang verlaufen, bis hin zum Ufer. Der Weg bis zum Schloss war nicht weit. Aus Erzählungen von Bediensteten des Schlosses kann entnommen werden, dass sich im Rittersaal der Ausgang des Ganges an der Seeseite befand. Verdeckt war dieser Zugang durch eine stets verschlossene Tür.

 

Unweit vom Ufer grüßte uns die kleine eiförmige, mit Bäumen bewachsene Insel. Darauf stand ein Pfahlbau aus der ostpreußischen Vorzeit. Vielleicht gehört auch diese Anlage zu dem Bau des Geheimganges.

 

Keine Sage erzählt vom Arklitter See. Doch Wellen und Wind strichen darüber hin mit leisem Sang.............. es war einmal.

 

Quellenangaben: Gerdauener Kreiskalender für Ortsgeschichte von 1928                                                        

 

 

Hanna Zetzsche


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein Stein auf unserem Hof

 

Auf unserem Grundstück in Molthainen stand, an die Hausecke gelehnt, ein anthrazitfarbener Stein. Er hatte die Größe eines mit einem Zentner Kartoffeln befüllten Sackes. Das eigenartige daran war, dass er drei Löcher hatte. Zwei der Löcher waren etwa 20 cm tief, das dritte Loch nicht ganz so tief. Alle hatten die Breite eines überdicken Daumens und waren angeordnet wie ein Dreigestirn. Wenn es regnete waren diese Löcher voller Wasser und wir Kinder planschten darin herum.

Nach Erzählungen meiner Großmutter (1866 geboren) stand dieser Stein schon zur Zeit der Urgroßeltern. Er hatte etwas Geheimnisvolles und so dachten sie er sei mit übernatürlichen Kräften ausgerüstet. Er beschützte die Menschen und das Haus. Zu meiner Zeit glaubte man nicht mehr so sehr daran. Wir alle wussten, dass er immer schon da war und nahmen ihn so an. Der glaube an die Kraft der Steine, der in längst vergangener Zeit bei den verschiedenen Völkern fortlebte, wird wohl auch noch bei unseren Vorfahren vorhanden gewesen sein.

Im Jahre 1880 brannte das Haus bis auf die Grundmauern nieder. Es wurde Brandstiftung vermutet. So ist es auch zu einer Gerichtverhandlung gekommen. Jedoch der vermutliche Täter hatte ein Alibi. Eine Dienstmagd beschwor, dass er die Nacht bei ihr verbracht habe.
Noch im gleichen Jahr hat mein Urgroßvater, Ferdinand Mekieß, an der gleichen Stelle ein neues Haus erbaut, welches auch heute noch steht. Den besagten Stein holte er unversehrt aus der Asche und stellte ihn wieder an der Hausecke des neuen Hauses auf, daneben platzierte er eine Gartenbank.

Als ich 1978 zum Ersten Mal wieder in die Heimat fuhr, war ich sehr entsetzt über den Verfall des Hauses. Durch Kriegseinwirkungen fehlte die ganze Hausecke, an der immer der Stein gestanden hatte. In den Giebel des Hauses waren große Löcher gehauen, der große Stall mit Scheune aus roten Klinkern fehlte ganz. Dafür standen mehrere alte Bretterbuden. Die Leute, die nun in dem Haus wohnten, waren Ukrainer. Sie waren sehr gastfreundlich und baten uns herein. Als erstes fragte ich nach dem besagten Stein, den ich so vermisste. Eine Polin die für uns dolmetschte, sagte mir , dass er in das Fundament für den neuen Stall eingegossen wurde. So kann man annehmen, dass der Stein sich auch noch heute auf dem Grundstück befindet.

 

Hanna Zetzsche

 

 

 

 

Die Johannisnacht

Ein weiterer wichtiger Tag ist der 21. Juni, die Johannisnacht. Um die Johannis-nacht ranken sich viele Mythen. Die Johannesfeuer brannten auf dem Berg bei unserer alten Windmühle, die später leider abgebrochen und entfernt wurde. Das war sehr schade, denn sie gehörte einfach zum Dorfbild. Am Johannistag banden die jungen Mädchen aus neun verschiedenen Kräutern, (ohne ein Wort zu sprechen), bunte Sträuße, die sie später zum Fenster hinaus warfen; danach sprangen sie so hoch wie möglich über die Haustürschwelle hinaus. Am Abend legten sie die Sträuße unter ihre Kopfkissen, denn dadurch sollten in dieser Nacht all ihre Träume in
Erfüllung gehen. Natürlich erhoffte sich jede nur gute und schöne Träume. Die heiratsfähigen Mädchen banden kleine Kränze, stellten sich damit unter eine Linde und warfen sie über die Schulter in den Baum. Blieb einer darin hängen, so wurde sie noch im gleichen Jahr Braut. Wie viele Enttäuschungen mag es da schon gegeben haben. Aber es war ja eben doch nur ein schöner Brauch.
Und trotzdem! Mit der Zeit glaubten die Mädchen immer weniger daran. Aber dann kam eine Zeit, da sprangen sie über das Johannisfeuer und sangen dazu Lieder wie: Heilig Vaterland und Flamme empor. Begeistert waren sie alle und keiner dachte an ein bitteres Ende.

 

Sylvester und Neujahr

 

 

 

In der Nacht des heiligen Abend auf den ersten Feiertag begannen bei uns die „Zwölften“. In dieser Zeit beobachteten wir genau das Wetter. Denn wie das Wetter an jedem dieser Tage ausfiel, ob Schneegestöber, Frost, Regen oder warmer Sonnenschein, so würde sich das Wetter im kommenden Jahr zeigen. Jeder dieser zwölf Tage stand für einen Monat im kommenden Jahr. Ja, die Ostpreußen feierten gerne und ausgiebig. So manche Hochzeit dauerte bis zu vier Tage.

In den „Zwölften“ durfte nicht gewaschen werden, sonst gab es einen Toten im nächsten Jahr. Es durfte auch nichts „gedreht“ werden, wie Wolle spinnen oder Milch schleudern. Das Vieh konnte davon einen Drehwurm bekommen. Selbst Großvaters Nähmaschinen standen in dieser Zeit still.

Zwischen den Festtagen wurden Federn von den im Dezember geschlachteten Gänsen gerissen. Beim „Federschleißen“, wie wir es nannten, gab es immer viel Spaß. Es wurden Geschichten erzählt und Lieder gesungen. Für das leibliche Wohl war durch reichlich Getränke und selbstgebackenen Fladen gesorgt. Die Neujahrsnacht war der Höhepunkt der „Zwölften“. Mit Silvesterspielen verbrachten wir den letzten Abend des Jahres. Die vielen Weissagungen ließen uns oft sehr erschauern, aber auch viel erhoffen. Aus Wruken (Steckrüben) schnitt man Figuren, ein Hufeisen war das Glück, die Wiege stand für ein Kind und ein Ring für den Ehestand. Dann gab es noch einen Schlüssel, ein Brot, Geld, eine Himmelsleiter und einen Totenkopf. Über jede dieser Figuren wurde ein Topf gestülpt, aber ein Topf blieb leer. Das war der Unglückstopf, denn Unglück braucht kein Symbol. Dann saßen alle an einem runden Tisch und jeder griff nach einen der Töpfe. Glücksreifen wurde dieses Spiel genannt.

Es war schon alles noch besinnlicher als diese furchtbare Knallerei die wir heute erdulden müssen. Eine andere Art der Weissagung war das Bleigießen wie man es hier auch kennt.

Ein derber Scherz war es, den „Rosemuck“ von der Lucht (Dachboden) zu holen. Der Rosemuck war ein Geist auf der Lucht der auch die Namen Bösewicht, Unhold und Vielfraß hörte. Er durfte nur von einem nicht eingeweihten Gast geholt werden. Oben wartete schon ein „Eingeweihter“ mit einer Schüssel voll Wasser die er dem Heraufkommenden über den Kopf goss. Das gab jedesmal ein fürchterliches Gequieke und Gekreiche. Danach wurde eine große Schüssel mit Wasser auf den Tisch gestellt und ein paar Dittchen hineingelegt. Nun muss man versuchen, sie nur mit dem Mund herauszuholen. Ich schaffte es nie. Ich bekam zwar Wasser in die Augen und Ohren, Nase und Mund, sonst jedoch nichts.

Aber wir hatten viel viel Spaß und Aufregung. Aber auch hier war ein Aberglaube verborgen, wenn man nämlich viele Dittchen herausholte sollte man im kommenden Jahr reich werden.

Bis zur Vertreibung standen bei uns auf allen Höfen Hofbrunnen. Eine alte Sage erzählte, dass in der Neujahrsnacht in den Brunnen das Wasser zu Wein wurde wenn man die Zauberformel sprach: Wotake, Wotake Wien. Und siehe da, das Waser war zu Wein geworden. Alle die es tranken, waren davon berauscht und fröhlich. Ein junges Mädchen konnte davon nicht genug bekommen und ging, als alle anderen fort waren wieder zum Brunnen und sprach noch einmal die Zauberformel. Da erklang aus dem Brunnen eine Stimme die sprach: Wotake, Wotake, Wien, Mäke du best mien. Das Wasser fing an zu brodeln und zu rauschen und wie mit starken Armen umschlang es das Mädchen und zog es hinab in die Tiefe. Nach einem alten Aberglauben kamen in der Neujahrsnacht, zwischen Null und Ein Uhr, die Verstorbenen des vergangenen Jahres noch einmal zurück um sich am Ofen zu wärmen und uns ein letztes Mal zusehen.

Nachdem ich liebe Familienangehörige verloren hatte, wartete ich so manche Neujahrsnacht, jedoch vergebens, sie kamen nicht mehr. Doch es hatte mir das Verbunden sein mit den Gegangenen erhalten.

Auf dem Gut, bei manchen Familien mit heiratsfähigen Töchtern, wurde am Silvestermorgen der Ofen ausgekehrt. In der Nacht stellte sich dann das junge Mädchen vor den Ofen um ihren künftigen Bräutigam zu sehen. Sie sprach dazu die Worte: Lieber Ofen, ich bete dich an, gib mir doch bald einen schönen Mann. Am Fest der Heiligen Drei Könige gab es bei uns immer Keilchen. Das waren kleine Klößchen , je zur Hälfte aus rohen und gekochten Kartoffeln gekocht. Sie wurden nicht rund gedreht, sondernetwa fingerlang und spitz, also keilförmig. Dazu gab es Spirkel, gewürfeltes fettes Bauchfleisch, welches mit Zwiebeln gedünstet wurde. Je nach Geschmack kam noch surer Schmand darüber. Und alles nur, damit das Gefichel, (Kleinvieh) im neuen Jahr auch recht gut gedieh.

Um die gleiche Zeit wurden bei uns die getrockneten Bohnen ausgepalt. Dazu wurde vorher ein Kuchen gebacken in dem man eine Bohne versteckt hatte. Wer nun das Stück mit der Bohne erwischte wurdeBohnenkönigin und durfte sich etwas wünschen. Ich glaube, bei uns in Ostpreußen, mit all unseren fröhlichen, tiefsinnigen mit heidnischen Sitten vermischten Feiern haben wir, wenn vielleicht auch unbewusst, alte Sitten und Gebräuche am Leben erhalten.

Nie war es so wichtig wie heute, Ostpreußenmit seiner Kultur und seinem reichen Erbe aus dem Dunkel der Geschichte hervor zu holen und es unseren Kindern als unveräußerliches Erbe ans Herz zu legen. Und so manchen hat dieses Brauchtum schon Freude und damit auch Kraft gegeben. Der magische Zauber der Erinnerung darf nicht mit den Alten aussterben.

Wenn meine Enkel mich auch manchmal nicht verstehen wollen, die Zeit hat ja schon so vieles verändert; vielleicht, wenn sie später einmal diese Zeilen lesen werden sie verstehender über mich denken und nicht alles als „Alte Geschichten“ abtun. Alles was ich hier aufschrieb, habe ich selbst erleben dürfen und geschildert wie es mir die Erinnerung eingab. Falls sich hier und da ein Fehler eingeschlichen haben, möge es man mir nachsehen.

 

Hanna Zetzsche

 

 

Der Arklitter See
 

Unser Arklitter See hatte teilweise sehr viele Strudel und tiefe Stellen und so geschah es immer wieder, dass Menschen dort ertranken. Im Sommer passierte dass beim Baden und im Winter beim Schlittschuhlaufen. Auch beim Eishacken soll es vorgekommen sein, dass jemand im Eis eingebrochen ist und mit dem Kopf unter die Eisdecke geriet und ertrank. Es ist schon einmal vorgekommen, dass bei einer Trauernachricht nicht gefragt wurde: “Wann ist er gestorben?“, sondern: “Wann ist er ertrunken?“

Nicht nur Flüsse und Seen forderten Menschenleben, manch einer versank auch im Moor oder Sumpf und wurde nie wieder gefunden.

 

Auf unserem alten Bauernfriedhof, an der Straße nach Assauen gelegen, fand ich auf einem Grab einen weißen Stein in Form eines aufgeschlagenen Buches. Darauf stand der Name eines Kindes und der folgende Vers:

 

Der See das war mein Sterbebette.

Nachmittags war mein Ende da.

Vergebens rief ich: Rette! Rette!

Obwohl man mich ertrinken sah.

Drauf schlief ich dann nach kurzer Pein

so nach und nach im Wasser ein.

 

Welche Gefühle mögen die trauernden Eltern wohl bei diesem anklagenden Nachruf gehabt haben?....

 

Auf dem Arklitter See, am Nordende der Masurischen Seenplatte gelegen, arbeitete und fischte einst der Fischermeister Frischgesell. Ein immer fröhlicher Mensch, der Freund meines Großvaters. An einem Sonntagnachmittag machte er mal wieder den Jugendlichen des Dorfes das Vergnügen einer Kahnfahrt über den schönen See. Noch unweit des Ufers fingen die Jungen an, mit dem Kahn fürchterlich zu schaukeln. Ein altes Mütterlein stand am Ufer, rang die Hände über soviel Übermut und rief ein um das andere Mal: Ach Gottke, ach Gottke, nu ware sie aller versupe. Die alte Frau hieß Unruh mit Nachnamen. Fischermeister Frischgesell beruhigte sie auf seine Art: Ower Frau Onruh, sentes doch man nich so onruhig.

 
 
 
 
 
 
 

Kaum hatte er das ausgesprochen, da kippte der Kahn und alle fielen kopfüber in den See. Die feine Sonntagsgardrobe war hin und die mit Brennscheren gebrannten Frisuren ebenfalls. Einer der Jugendlichen konnte nicht schwimmen.

 
 
 
 

Er wurde aber von den anderen an Land geschleppt. Das Sonntagsvergnügen war buchstäblich ins Wasser gefallen. Aber alle gingen, zwar durchnässt, jedoch fröhlich und guter Dinge nach Hause. Noch lange wurde darüber gesprochen und gelacht.

 

An den Ufern des Arklitter Sees,

in den Erlenhainen,

schluchzten die Nachtigallen,

hörte man das Pfeifen der Pirole,

das Konzert der Drosseln,
Wiedehopfe, Eichelhäher,

den dumpfen Ruf der Rohrdommel,

das Schilpen der Spatzen,
das Quaken der Frösche,
alles meine Freunde.
Am Grabenrand dufteten
Klee, Schafgarbe, Kamille,

Thymian, Kümmel, Mohn und Pechnelke.

Es täte wohl,
nach langem,
unruhvoll verrücktem
Leben hier auszuruhen
 
Hanna Zetzsche
 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



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