Ende Mai 2010 war es wieder soweit Eine zweite Reise nach Ostpreußen in die Heimat meiner Familie väterlicherseits stand eigentlich schon fest als ich mit meiner Frau zum Anlass meines 60. Geburtstages 2008 das erste Mal dort war.
2008 hatte es sich ergeben, dass wir Agnieszka Kopczynska, eine junge Frau aus Elbing, kennengelernt haben. Unser Kreisvorsitzender der Heimat-Kreis-Gemeinschaft Gerdauen Arnold Schumacher hatte mir den Tipp gegeben, mit ihr in Kontakt zu treten. Agnieszka spricht perfekt Deutsch und ihr Mann stammt aus dem Heimatdorf meines Vaters (Molthainen). Das ließ ich mir natürlich nicht zweimal sagen und rief sie an als wir in Elbing auf dem Camping-platz waren. Wir verabredeten uns zu Kaffee und Kuchen und sie kam zu uns auf den Elbinger Campingplatz 62. Wir waren uns sofort sympathisch und so entstand eine Freundschaft.
Wir starteten bei uns im Westerwald in der Nacht vom 26. Mai zum 27. Mai um 3.00 Uhr. Der Versuch einige Stunden vor dem Reiseantritt zu schlafen scheiterte. Wahrscheinlich war ich zu aufgeregt und konnte nicht in den Schlaf finden. Da wir wie immer mit unserem Wohn-wagen fuhren war es nicht schlimm, ich konnte mich jedesmal, wenn mich die Müdigkeit überfiel in mein Bett legen und schlafen. Davon musste ich auf der Ersten Etappe bis nach Stettin auch öfter Gebrauch machen. Abends gegen 18.00 Uhr erreichten wir unser Etappenziel und fanden einen
ansprechenden Campingplatz (Marina) im Süden von Stettin. Das Gespann abgestellt, Strom angeschlossen und die Wasservorräte sowie die Toilette aufgefüllt, konnten wir uns auf das Abendessen konzentrieren. Danach wurde natürlich das obligatorische Canastaspiel gespielt. Um am anderen Tag für die zweite Etappe fit zu sein gingen wir früh schlafen.
Am anderen Morgen fuhren wir nach dem Frühstück und dem Gassi gehen mit unserer Florentine, eine sehr liebe Westi Hündin, die uns seit 10 Jahren auf allen Reisen begleitet, weiter zu unserem 2. Etappenziel Elbing . Die Fahrt ging über Köslin, Stolp, Lebork, Marienburg und Danzig nach dorthin.
Elbing sollte für die nächsten Tage unser Standplatz sein, vor allem freuten wir uns auf das Treffen mit Aga und ihrem Mann Marcin. Dieses fand am Samstag, dem, 29.Mai 2010 statt. Wir waren bei den beiden eingeladen. Vorab wurden wir gefragt was wir essen wollten. Die Entscheidung fiel zu Gunsten eines normalen polnischen Abendessen.
Es war ein sehr schöner Nachmittag und Abend. Wir haben alle darauf verzichtet Alkohol zu trinken und somit konnten wir klare sinnvolle Gespräche führen. Leider konnte unser Vorhaben, mit den jungen Leuten nach Molthainen/Arklitten, den Geburtsort meines Vaters zu fahren nicht durch-geführt werden, da gesundheitliche Einschränkungen es unserer Aga unmöglich machten.
Auf dem Campingplatz in Elbing lernten wir ein nettes älteres Ehepaar aus Hamburg kennen. Sie erzählten uns von einem kleinen Campingplatz in Pienienzno, ehemals Mehlsack, im Ermland. Weil dieser mitten in der Natur liegt, 8 Hektar groß ist und 2 große Teiche hat die zum Angeln einladen und außerdem von einem Fluß begrenzt wird in dem sich ein Bieberdamm befindet, entschieden wir uns mit dem Ehepaar dorthin zu fahren. Dort blieben wir eine Woche. Es bot sich von der Lage an, Ausflüge nach Frauenburg und Braunsberg zu machen.
Nach Braunsberg (Braniewo) wollte ich, weil meine Großmutter im Januar 1945 auf der Flucht dort durch musste um anschließend übers Haff zu gelangen. Von dort mussten Sie nach Gotenhafen. Von dort fuhr ein Schiff nach Dänemark.
Frauenburg (Frombork) ist sowieso ein Muss, wenn man im Ermland ist.
Als wir beide Orte besichtigt hatten, hatte ich das Bedürfnis, den kompletten Fluchtweg meiner Großmutter und Cousine abzufahren. Also sind wir an dem letzten Tag an dem wir in Pienienzno waren nach Bartenstein (Bartoszyce) gefahren. Dieser Ort hat heute für mich eine sehr große Bedeutung. Als meine Großeltern 1945 mit dem Treck von Arklitten ins Ungewisse starteten, sind sie bei Bartenstein in ein Artelleriefeuer geraten und getrennt worden. Meine Großmutter ist weiter in Richtung Haff geflüchtet um auf ein Schiff nach Dänemark zu gelangen. Mein Großvater ist aus Verzweiflung und in der Hoffnung, seine Frau wäre auch wieder nach Hause, nach Arklitten zurück gegangen. Sie haben sich nie wieder gesehen! Von Bartenstein nach Arklitten/Molthainen sind wir immer in Gedanken an das was früher geschehen ist gefahren. Die Straßen waren nicht sehr gut und in den Ortschaften war nichts zu sehen was darauf hin deutete, dass der Krieg schon über 60 Jahre her ist. Es sah alles sehr alt und oftmals verfallen aus.
Es regnete leicht und je trostloser sahen die Ortschaften aus in denen nichts Neues zu sehen war. Eigentlich sehr schade, dass die Menschen dort, sicherlich aus wirtschaftlichen Gründen, nichts oder nur ganz wenig an ihren Häusern machen.
Natürlich kann man als Außenstehender nicht beurteilen ob und warum das so ist.
Die Natur und die Landschaft hat es mir angetan; jedes Storchennest welches ich sehe, Kraniche und Bieber die dort noch häufig vorkommen. Die flache bis hügelige Landschaft, die großen Felder und Wiesen auf denen die Flora und Fauna noch in Ordnung scheint. Das alles macht Ostpreußen für mich aus.
Das war der letzte Urlaubstag, den wir dort verbrachten und genossen. In Molthainen angekommen hielten wir an dem Haus in dem die Schwiegereltern unserer Freundin Aga wohnen. Zufälligerweise kam sie gerade, als wir aussteigen wollten aus dem Haus. Ich denke die Freude war auf beiden Seiten groß und die Begrüßung war herzlich. Wir wurden ins Haus gebeten und es gab den leckeren Kaffee auf polnische Art. Dieser erinnerte mich an meine Kindheit, damals wurde der Kaffee auch so gebrüht. Gemahlener Kaffee kam in die Kaffeekanne und wurde mit kochendem Wasser aufgebrüht. Nach einer Weile konnte man ihn trinken und der Kaffee-satz blieb am Boden der Kanne. Im Anschluss machten wir einen Rundgang durch Molthainen und Arklitten. Obwohl Krystyna kein Deutsch spricht und wir kein Polnisch war die Verständigung OK. Komischerweise wusste jeder vom anderen, was er meinte und wollte. Ich hatte die Möglichkeit viele Fotos zu schießen um zu Hause zu zeigen, wie ärmlich dort teilweise gewohnt werden muss. In diesem Haus wohnten vor 1945
der Dorfpolizist und der Briefträger. Es steht der Kirche genau gegenüber.
Krystyna machte es möglich, dass der Herr Pfarrer höchstpersönlich für uns eine Kirchenführung machte und uns alles in einem akzeptablen Deutsch erklärte.
Natürlich wollte ich auch an das Haus in dem meine Großeltern lebten und in dem unter anderem mein Vater geboren wurde. Auch diesen Wunsch erfüllte uns Krystyna. Leider waren die jetzigen Bewohner nicht da und somit mussten wir, um an die Ruine vom Arklitter Schloss zu gelangen, einen Umweg gehen. Der kürzere Weg führt über das Grundstück.
Auf dem Weg zur Ruine kamen wir über ein Grundstück welches auch zum heutigen Gut gehört und dort wohnten Menschen die ich in die Kategorie sozialschwach einstufe. Von ihnen wurde schon scharfer Alkohol am Tage getrunken und das Umfeld ihrer Behausung sah dementsprechend aus.
Über dieses Gelände mit anschließender großen Wiese gelang man zur Ruine des Schlosses. Auf dieser Wiese befanden sich einige Müllhaufen die vergeblich angezündet, aber nicht verbrannt waren. Im Anschluss der Wiese begann ein Dickicht welches man durchdringen musste, um direkt an das Schloss zu gelangen. Da mir das zu schwierig war verzichtete ich darauf, bzw. brach ich mein Vorhaben ab.
Ähnlich wie die Ruine sieht auch der Friedhof von Arklitten aus.
Als ich an diesem Friedhof vorbei kam, war mir klar, dass ich alle meine kleinen beschränkten Möglichkeiten nutzen werde, um an diesem Bild etwas zu ändern. Als wir wieder am Haus von Krystyna ankamen war leider unsere Zeit um und wir mussten den Heimweg nach Mehlsack antreten, denn am anderen Morgen mussten wir wieder den weiten Weg in den Westerwald antreten. Es sind ca. 1200 km die vor uns lagen und diese musste ich in 2 Etappen fahren. Die Rückfahrt lief über die Landstraße 22 die über Elbing bis nach Küstrin führt. Es sind über 500 km. Im Oderbruch haben wir noch eine Übernachtung gemacht. Auch hier hat uns die Landschaft gut gefallen. Am andern Tag morgens um 5.30 Uhr starteten wir die letzte Etappe Richtung Westerwald .